Posted by Stefan | Posted in Allgemeines, Angewandte Semiotik, Ping & Pong, Semiotik im Alltag, Semiotik und Produkte | Posted on 30-08-2009
Ich saß unlängst im landeshauptstädtlichen Stadtpark unter oder vielmehr in einem Baum, um den heißesten Tag des Sommers weitgehend unklimatisiert zu erleben. Und ebenda geschah es: Ich habe zum ersten Mal Leihfahrräder in Aktion gesehen. Ich meine diese Räder, die man neuerdings in europäischen Großstädten mieten kann und die an den eigentümlichsten Stellen geparkt werden. Wobei mir das System zum Mieten noch nicht ganz klar ist, wie man die Räder nun mietet. Ich finde es immer noch suspekt, irgendetwas via Zahlencode mit meinem Handy zu kaufen. In anderen Ländern macht man sich ebenfalls Gedanken über passende Zahlmethoden.
Komisch jedenfalls, dass ich die Dinger noch nie in Aktion, sondern lediglich vor Bahnhöfen oder Rheinpromenaden abgeschlossen gesehen habe. Bis gerade eben.
Zwei Sachen sind mir dabei aufgefallen:
Erstens: Einerseits habe ich mich gefragt, ob ich das auch schon so schick finde wie die ganzen Lifestylemagazine, die von der grünen Revolution in den Großstädten künden. Denn ehrlichgesagt: Ich finde die Radl eher uncool. Das liegt vor allem an diesem Gewollt-Hollandrad-Style, den die Kombination Rahmen/Speichenschutz so hergibt. In Düsseldorf sind mir derzeit zwei Anbieter bekannt: Der gute alte “Mobilitätspartner” Deutsche Bahn mit Call a Bike und NextBike. Letzterer ist in Düsseldorf auch offiziell mit der Stadt verbandelt. Beide geben sich allerdings wenig, was den ästhetischen Charakter des Fahrrads betrifft.
Mich erinnert das an diese Marotte von Glasreparaturservices für Autoscheiben: Die haben es sich anscheinend zum Markenzeichen gemacht, Sportwagen für Anfänger – meistens ist es ein Audi TT oder ein Opel GT – möglichst dadurch zu entwerten, indem sie überall bemerkenswert hässliche Aufkleber anbringen, so dass man das Gefühl hat, man fahre mit dem Lieferwagen des 24h-Abflussreinigungsservice Hempel. Wobei der Lieferwagen halt ausnahmsweise ein Cabrio mit wenig Kofferraum und viel PS ist.
Genau das ist es, was mir bei dem Konzept der Mieträder noch nicht passt: Alle reden davon, wie schick es sei, mit Rädern durch die Innenstadt zu cruisen. Aber man sieht auf den Rädern aus wie die Fahrradversion vom Lieferwagen der Hempel GmbH. Damit das Konzept rund wird, müssen auch alle sichtbaren äußeren Zeichen das Gleiche sagen, was die Medien sagen, nämlich: Mietfahrradfahren ist schick.
Tja, und das heißt entweder: Keine BASE-Werbung mehr auf dem Speichenschutz – oder eine angemessene Form, durch die Werbung, Kunst, Schicksein und der Speichenschutz Eins werden. Wie das aussehen könnte, kann man als Street Art in Toulouse sehn:

Zweitens: Das andere, was mir auffiel, war die Tatsache, dass man das Verleihangebot zwar wahrnimmt – aber dass die Hürde, es tatsächlich zu benutzen, immer noch sehr hoch ist. Das liegt vor allem daran, dass es kaum verständliche und wahrnehmbare Kommunikationsanstrengungen gibt, das Angebot für den Großstadtbewohner oder -besucher interessant zu machen:
- Wie bezahle ich?
- Wieviel überhaupt?
- Muss ich längere Zeit Mitglied bleiben wie bei Carsharing?
- Kann ich das Rad nachts auf dem Weg von Hauptbahnhof nach Hause als Alternative zum Taxi nutzen und dann bei mir in der Nähe einfach abstellen?
Das alles wird leider nicht klar genug kommuniziert.
Würden die Verleiher hier noch prägnantere Zeichen entwickeln, mit denen sie ihr Angebot ins Alltagsbewusstsein der möglichen Kunden rücken können, dann wäre Mietradeln eine echte Bereicherung für die Großstädter. Auch für jene wie mich, die bereits ein Fahrrad besitzen und nutzen. So könnte die Semiotik sogar Umweltschutz befördern, neue Unternehmensideen mitten in der Krise fördern und – natürlich – mal wieder die Welt retten. Toll.